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Ausländer her!



„Ohne demografische Hilfe von außen schrumpfen wir auf mittlere Sicht auf ein Häuflein von Alten“, erklärte der Direktor des Berlin-Instituts fűr Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, unlängst in einem Spiegel-Essay.

Er erläuterte: „...bei einem angenommenen Zuwanderungssaldo von jährlich 100.000 bis 200.000 Personen sieht das Statistische Bundesamt bis 2050 einen Bevölkerungsschwund um rund zwölf Millionen voraus. Dieser Aderlass, der numerisch der kompletten Entleerung der zwölf größten Städte von Berlin bis Leipzig entspricht, ist allerdings optimistisch kalkuliert, weil die unterstellte Zuwanderung derzeit gar nicht mehr stattfindet.“

Als Folge der Schrumpfung gehen Klingholz zufolge der deutschen Wirtschaft die Arbeitskräfte aus, die in die Rentenkassen einzahlen. Er fordert also: „Ausländer her!“, vor allem besser qualifizierte als die bisherigen Migranten. Eine selektive Einwanderungspolitik nach dem Vorbild von Kanada soll der Wirtschaft jene Arbeitskräfte liefern, die sie tatsächlich braucht, wie Klingholz in einem Zeit-online-Interview ausfűhrte. Ausserdem soll verhindert werden, dass bis 2050 das geburten- und zuwanderungsstarke Frankreich sowohl in der Bevölkerungsgrösse, wie in der Wirtschaftskraft, Deutschland űberholt, wie eine Studie seines Berliner Instituts errechnete.

Das sind fraglos sehr starke Aussagen. Wie ernst muss man sie nehmen?

Klingholz ist wahrscheinlich Deutschlands qualifiziertester Demograph. Er kennt seine Zahlen, und er weiss, sie in drastischer Deutlichkeit zu präsentieren. Wűrde man seiner Argumentation folgen, so ergäbe sich folgendes Bild:

Einwanderung warum, woher?

Die Ausländer, die Klingholz fordert, wird keine deutsche Regierung freiwillig und in so grosser Zahl ins Land lassen. Da sei die CDU/CSU vor, und die gewerkschaftsnahen Linksparteien ebenso. Selbst wenn ein Wunder der Öffnung geschähe, woher sollen die geforderten qualifizierten Einwanderer kommen? Aus Griechenland, Lettland, Portugal und anderen krisengeschűttelten Ländern? Aus Asien oder Afrika? Deutschland ist kein Kanada und kein Australien, ja nicht einmal ein Frankreich. Seine Sprache sprechen nur ein paar Millionen Mitteleuropäer und sonst niemand auf der Welt. Es fehlt die fűr die Zuwanderung so nűtzliche Kolonialgeschichte, als deren Folge Milliarden Menschen englisch oder französisch in der Schule lernen.

In der Zahl, die Deutschlands Wirtschaft angeblich benötigt, gibt es die Zuwanderer nicht, und wenn es sie gäbe, wűrden deutsche Regierungen Wege finden, sie mindestens teilweise auszusperren oder nach wenigen Jahren zurűckzuschicken.

Wir műssen also, nolens volens, mit dem „Menschenmaterial“ wirtschaften, das wir haben. Minus deutsche Auswanderer, die das Gras jenseits des Zauns grűner finden. Minus Rűckwanderer und Nachkommen frűherer Einwanderer, die Deutschland den Rűcken kehren.

Es ist offenkundig, dass die Vergreisung des Landes rapide fortschreiten wird. Auch wird die Wohnbevölkerung allmählich schrumpfen. Wie schlimm ist das?

Erfolgreich vergreisen

Das ist eine Frage der Perspektive. In einer statischen Betrachtungsweise műsste man Zetermordio schreien űber den bevorstehenden Untergang der beitragsfinanzierten Rentensysteme. Klar, wenn die Zahl der Beitragszahler stark sinkt, während die der Rentner anschwillt, sind die Kassen entweder bald pleite, oder die Renten műssen drastisch gekűrzt werden. Beides ist politisch nicht hinnehmbar. Also műssen die Regeln geändert werden. Das Rentenalter muss fűr alle, ausser den Schwerarbeitern, stark erhöht werden. Der Staat muss die Rentenkassen bezuschussen. Eigentlich aber műsste das beitragsbasierte Umlagesystem ersetzt werden durch ein individuelles Sparsystem. Jeder Tätige spart jahrzehntelang in eine Rentenkasse und seine Rente ergibt sich aus den erwirtschafteten Erträgen dieser Kapitalbildung. Dann ist es egal, wie viele Tätige Beiträge zahlen und wie viele Rentner Einkommen beziehen.

Die volkswirtschaftliche Kapitalbildung durch solche Rentenkassen ist enorm, wie man an der Finanzkraft amerikanischer Pensionsfonds sehen kann. Je frűher Deutschland den Wechsel zur individuellen Kapitalbildung vollzieht, desto besser. Einen Haken hat die Sache freilich: in Krisenzeiten und Deflation ist das Zinsniveau so niedrig, dass die Rentenkassen kaum Gewinne erwirtschaften können. Ausserdem trifft ihr Potential auf einen ohnehin gesättigten Kapitalmarkt und verstärkt den Druck auf den Zins.

Im Prinzip ist die Rentendiskussion jedoch irrefűhrend. Es geht gar nicht darum, woher die Rente kommt: aus laufenden Beiträgen, aus dem Steuersäckel oder aus Kapitalerträgen. Entscheidend ist vielmehr, ob die Volkswirtschaft genug Wohlstand erzeugt, den man zu den Rentnern umverteilen kann.

Braucht die Wirtschaft Arbeitskräfte?

Da sind die Perspektiven eher rosig. Klingholz fordert, dass der Wirtschaft jene Arbeitskräfte zukommen műssen, die sie braucht, um ihre weltwirtschaftliche Rolle zu behalten. Das ist das Pferd am Schwanze aufgezäumt. Es gibt keine „Wirtschaft“, die Arbeitskräfte “braucht“. Bleiben wegen Vollbeschäftigung oder Bewerbermangel in einer Branche oder Sparte freie Stellen unbesetzt, so ist das ein Űbergangsphänomen, keine Dauererscheinung. Auf Dauer wird die Sparte entweder schrumpfen, verschwinden oder dergestalt rationalisieren, dass ohne die fehlenden Arbeitskräfte weiter gewirtschaftet werden kann.

Ob Deutschland mit 70 Millionen Einwohnern noch ebenso stark am Weltmarkt positioniert ist wie zuvor mit 80 Millionen, ist gleichgűltig. Wichtig ist das Produkt je Einwohner, nicht das Gesamtprodukt. Schrumpfende Wirtschaft bei schrumpfender Bevölkerung kann durchaus steigenden Wohlstand bedeuten. Wir sollten uns auf eine Zukunft einstellen, in der die Wachstumsraten der deutschen Wirtschaft negativ werden, ohne in Katastrophengeheul auszubrechen.

Die herzerweichenden Klagen űber die Űberalterung Deutschlands műssen genau geprűft werden. Zunächst bedeutet die Alterung eine verstärkte Kapitalbildung, und damit entweder eine bessere Ausstattung der Wirtschaft mit Investitionsmitteln, oder eine starke Kapitalausfuhr. Mehr Kapital fűr die heimische Wirtschaft bedeutet Ersatz von Arbeitskräften durch Robotisierung der Industrie und Computerisierung von Bűros, Rechnungswesen und Verwaltung. Dadurch steigende Arbeitsproduktivität, höhere Löhne und Kassenbeiträge. Kapitalausfuhr bedeutet, dass sich das Kapital in wachstumsstarken, investitionsbedűrftigen Ländern Anlagen sucht, die höhere Renditen abwerfen, als die heimische Wirtschaft bietet.

Steigende Löhne im Inland und Kapitalerträge aus dem Ausland sollten zusammen ausreichen, den Rentenbedarf der nicht mehr tätigen Bevölkerung zu finanzieren. Das gilt freilich nur, wenn man sich rechtzeitig von dem jetzigen Prinzip des pay-as-you-go der Rentenkassen trennt, das nur so lange vorzűglich funktionierte, als die Bevölkerung wuchs. Fűr eine schrumpfende Bevölkerung ist es ungeeignet, weil es die nun notwendige individuelle Kapitalbildung behindert.

Zusatzrente wird Hauptrente?

Erste Schritte hat die Bundesrepublik ja bereits unternommen. Sie ermuntert Arbeitskräfte zur Kapitalbildung fűr eine „Zusatzrente“, freilich ohne ihnen zu sagen, dass das in Zukunft die Hauptrente sein wird, wenn die alten Rentenkassen kollabieren. Je grösser der Anteil der Rentner an der Bevölkerung wird, desto ärmlicher werden die Leistungen der Rentenkassen ausfallen, die im Extremfall nur noch ein besseres Portogeld auswerfen. Es obliegt also den jetzt erwerbstätigen Generationen, den schmerzhaften Űbergang vom alten zum neuen System zu vollziehen.

Im Klartext: sie műssen in die alten Rentenkassen einzahlen, als ob diese ihre Altersversorgung noch garantierten. Was sie aber nicht mehr tun. Also muss zusätzlich Kapital gebildet werden, um eine Individualrente zu erwirtschaften, von der es sich ohne Armut leben lässt. Die Űbergangsgenerationen műssen also eine Doppelbelastung schultern.

Dűrfen sie deswegen jammern? Ja und nein. Zunächst fällt auf, dass der Zunahme der Bevölkerung im Rentenalter eine Abnahme der Jahrgänge im noch nicht erwerbstätigen Kindheits- und Jugendalter entspricht. Man mag zynisch sagen: die jetzt erwerbstätigen Generationen halten den Abhängigkeitsquotienten konstant, indem sie die Zunahme der Alten mit einer Verminderung der Kinderzahl kompensieren.

Das klingt auf Anhieb logisch, ist es aber nur teilweise. Denn die heutigen Alten profitieren ja von der noch beachtlichen Stärke der Rentenkassen, die von den letzten starken Jahrgängen aufgefűllt werden. Sie fallen den Erwerbstätigen also erst wenig zur Last. Man mag daher die schwache Fortpflanzungsfreudigkeit der Jungen weniger der jetzigen Rentenlast, als vielmehr der Angst vor der kűnftigen Rentenschwäche anlasten.

Der Abhängigkeitsquotient

Was den Abhängigkeitsquotienten anlangt, ist es keineswegs gleichgűltig, ob er hoch ist wegen einer grossen Kinderschar – wie in Entwicklungsländern – oder wegen „Vergreisung“. Es wird gerne űbersehen, dass die Rentner einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft leisten. Sie zahlen voll die Verbrauchs- und zunehmend auch Einkommensteuern. Sie sind in der Regel keineswegs untätig, sondern leisten mit Krankenpflege, Heimwerkerarbeit, Enkelfűrsorge und ehrenamtlicher Tätigkeit wichtige, wenn auch schwer messbare Beiträge zum Sozialprodukt. Ausserdem sind sie viel genűgsamer als Kinder und Jugendliche. Sie brauchen weder Schulen noch Universitäten, sie decken ihre Alterspflegekosten meistens selbst und danken dem Staat fűr seine Fűrsorge auch noch beim Abschied mit Entrichtung der Erbschaftsteuer.

Durch Vererbung zugunsten weniger werdender Kinder und Enkel wächst der Kapitalstock je Einwohner. Die nachkommenden Deutschen werden also ohne ihr Zutun reicher als die Vorgenerationen. Das bedeutet zusätzliche Kapitalerträge, die helfen können, das Rentenloch zu fűllen.

Wer eine Verarmung Deutschlands wegen „Vergreisung“ prophezeit, unterschätzt auch das Vorsorge- und Sicherheitsdenken der Deutschen einerseits und ihren Fleiss andererseits. Selbst wenn das Rentenalter nicht so stark angehoben wűrde, wie es Demographen fordern, wird der Fleiss der Alten Wege finden, sich in den höheren Jahren nűtzlich zu machen und legal oder schwarz Einkommen zu schaffen. Wichtig ist freilich, dass der Staat diesem Drang keine Hindernisse aus fiskalischem oder bűrokratischem Denken in den Weg legt und das Ergreifen altersunbeschränkter Zweitberufe mit Sozialkassenerleichterungen und Fortbildungskursen fördert.

Weniger Deutsche, bessere Umwelt

Wenn nun wegen Kindermangel und Abwanderung ganze Landstriche entleert werden und, wie in den neuen Ländern, kostspielig geschaffene Infrastruktur und staatliche Einrichtungen űberflűssig werden? Nun, da kann man wohl nicht viel machen. Man kann hoffen, dass kűnftige Rentnergenerationen den fast kostenlosen Wohnraum űbernehmen und sich ohne Schulen, Ämter und Krankenhäuser dort einrichten werden. Ganze Dörfer werden verschwinden wie in Pest- oder Kriegszeiten und die teuere Infrastruktur wird zerfallen, perdu. Fehlinvestition. Nicht mehr genutzte Agrarflächen werden renaturiert oder aufgeforstet als Beitrag zum Klimaschutz. Wölfe und Bären kommen zurűck. Weniger Deutsche, bessere Umwelt. So einfach kann das sein.

Und was ist, wenn Frankreich Deutschland bevölkerungsmässig und wirtschaftlich vom ersten Platz in der Europäischen Union verdrängt? Wenn selbst Grossbritannien mit seiner lebhaften Einwanderung aufrűckt?

Dann werden eben mehr Deutsche Französisch lernen, nicht nur Englisch. Das ergibt ein nettes Kleinstaatsgefűhl wie in Benelux oder in der Schweiz, wo mehrere Sprachen ins normale Űberlebensgepäck gehören. Mehr französische Autos, mehr französische Touristen: es soll schlimmeres geben. Kein Napoleon wird Berlin besetzen.

Aber wird es denn zwangsläufig so kommen? Man braucht Herrn Klingholz und seinem Institut nicht unbedingt zu glauben. Frankreich und Deutschland haben seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts mehrfach das Spiel wechselnder Bevölkerungsdynamik getrieben.

Wie in „Stehplatz fűr Milliarden?“(1976)(1) dargestellt, wuchs Frankreichs Bevölkerung im 18. Jahrhundert, obwohl sich möglicherweise bereits ein Rűckgang der Fruchtbarkeit manifestierte, der von einem noch stärkeren Rűckgang der Sterblichkeit űberkompensiert wurde. Jedenfalls war Frankreich in der Zeit der Ludwige und Napoleons Europas demographische und wirtschaftliche Vormacht. Im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt. Deutschlands Bevölkerungswachstum schoss empor, während Frankreich relativ abstieg und um die Wende zum 20. Jahrhundert eine lange anhaltende Stagnation seiner Bewohnerzahl erlebte, die als äusserst schmerzlich empfunden wurde.

Starke Einwanderung und ein Arsenal bevölkerungspolitischer Massnahmen fűhrten Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg zurűck ins demographische Wachstum, während Deutschland allmählich in jene Schrumpfung abglitt, die heute beklagt wird. Hinkt Deutschland Frankreich in seiner demographischen Entwicklung um Jahrzehnte hinterher?

Modesport Kinderwagen schieben?

Ein bestechender Gedanke. Eine Vielzahl von Theorien konkurriert um die Erklärung des sogenannten demographischen Űbergangs von einer Agrargesellschaft mit hoher Sterblichkeit und Fruchtbarkeit zu einer postindustriellen Gesellschaft mit geringer Sterblichkeit und Fruchtbarkeit. Hat Frankreich diesen Űbergang einfach viel schneller bewältigt als Deutschland? Steht den Deutschen etwa wieder eine Periode steigender Fruchtbarkeit bevor, wie sie sich in wohlhabenden Grosstädten abzeichnet? Wird Kinderwagen-Schieben Modesport fűr Sie und Ihn?

Man meint gerne, die Demographie eigne sich wegen der Behäbigkeit ihrer Bewegungen besser als andere Disziplinen fűr mittel- und langfristige Projektionen. Doch Űberraschungen sind nicht auszuschliessen.

Man mag nach alledem die Frage stellen: braucht Deutschland wirklich Einwanderung in grossem Umfang? Die Antwort ist nein. Deutschlands demographisch gesteuerter Schrumpfungsprozess kann ohne „Hilfe“ von aussen bewältigt werden. Wie es schon in „Stehplatz fűr Milliarden?“ hiess: "In diesem Sinn kann Schrumpfung Wachstum bedeuten, und zwar im Sinn von Arsène Dumont(2): eine Intensivierung des Menschen, nämlich seine Bereicherung um das Erbe seiner fleissigen, aber zu zahlreichen Ahnen."

Wenn dennoch Einwanderung stattfindet, dann ist das nur zu natűrlich und sinnvoll, denn der Druck der űbervölkerten, unterentwickelten und krisengebeutelten Länder wird anhalten. Deutschland kann und wird sich nicht so abriegeln wie Japan, das in fatalem Stolz fast keine Migranten ins Land lässt.

Die Völker der Welt werden sich daher weiterhin fröhlich vermischen, ob es die Politiker wollen oder nicht. Wie Luigi Luca und Francesco Cavalli-Sforza 1995 prophezeiten(3): „In ein paar Jahrhunderten wird die Weltbevölkerung vorwiegend braun sein...“ Auch in Deutschland.

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—— Heinrich von Loesch
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(1)Heinrich v. Loesch; Stehplatz fűr Milliarden? DVA 1974, dtv 1976
(2)Arsène Dumont: Dépopulation et civilisation. Paris 1890
(3)L.L. and F. Cavalli-Sforza: The Great Human Diasporas. Addison-Wesley 1995